Achtsamkeit hat ein bemerkenswertes Imageproblem: Sie gilt als so harmlos, dass sie beinahe immer empfohlen werden kann. Gestresst? Atmen. Unruhig? Meditieren. Erschöpft? Mehr im Moment leben.

Doch was, wenn genau das nicht hilft?

In einem Achtsamkeitskurs sollte eine Teilnehmerin ihre Aufmerksamkeit auf den Atem richten. Für sie wurde die Übung nicht zum Weg in die Ruhe, sondern zum Auslöser von Panik und Atemnot. Je genauer sie ihren Atem beobachtete, desto stärker wurde ihre Unruhe. Nach einer Sitzung fragte sie sich, ob sie den Kurs überhaupt fortsetzen könne.

Ihre Erfahrung stammt aus einer qualitativen Studie mit Menschen, die unter länger bestehenden gesundheitlichen Beschwerden lebten. Sie zeigt etwas, das in der Begeisterung für Achtsamkeit leicht verloren geht: Aufmerksamkeit ist nicht automatisch angenehm. Wer nach innen schaut, findet dort nicht immer Gelassenheit. Manchmal wird zunächst deutlicher, was ohnehin belastet.

Vom spirituellen Weg zur therapeutischen Methode

In buddhistischen Traditionen ist Achtsamkeit keine isolierte Entspannungsübung. Sie gehört zu einem umfassenderen Weg, der auch Mitgefühl, verantwortliches Handeln und den Umgang mit Leid einschließt.

Als der Mediziner Jon Kabat-Zinn Ende der 1970er Jahre ein Achtsamkeitsprogramm für Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden entwickelte, übertrug er Elemente dieser Praxis in einen medizinischen Rahmen. Damit bekam Achtsamkeit ein neues, überprüfbares Ziel: Hilft sie gegen Stress, Schmerzen oder psychische Symptome?

Das war ein wichtiger Schritt. Denn nun ließ sich die Wirkung systematisch untersuchen. Forschende konnten Beschwerden vor und nach einem Kurs erfassen und die Ergebnisse mit Kontrollgruppen vergleichen.

Eine große Auswertung von 44 Metaanalysen mit insgesamt 336 randomisierten Studien zeigt: Gegenüber Gruppen ohne Behandlung schneiden achtsamkeitsbasierte Programme häufig besser ab. Vergleicht man sie jedoch mit anderen aktiven Angeboten, fallen die Unterschiede meist kleiner aus und sind seltener eindeutig.

Achtsamkeit kann also helfen. Aber sie ist weder einzigartig wirksam noch für jeden Menschen und jede Situation geeignet. Vor allem untersuchen solche Studien klar definierte Programme. Sie untersuchen nicht „Spiritualität“ als Ganzes.

Wer nach innen schaut, findet dort nicht immer Gelassenheit.

Nicht alles Bedeutsame ist messbar

Die wissenschaftliche Übersetzung spiritueller Praktiken hat einen Preis: Gemessen wird vor allem, was sich in Skalen ausdrücken lässt. Stress. Schmerz. Angst. Depressive Symptome.

Doch Menschen meditieren nicht ausschließlich, um ihre Werte auf einem Fragebogen zu verbessern.

In der qualitativen Langzeitstudie beschrieben einige Teilnehmende Achtsamkeit als praktisches Hilfsmittel für schwierige Tage. Andere machten sie mit der Zeit zu einem festen Bestandteil ihres Lebens. Eine Person berichtete nach neun Wochen, kurze Übungen ermöglichten ihr, innezuhalten und wahrzunehmen, wie es ihr gerade gehe. Eine andere sprach nach einem Jahr von einem Gefühl des Friedens.

Solche Aussagen sind keine Beweise für eine therapeutische Wirkung. Aber sie sind deshalb nicht bedeutungslos. Sie erzählen von Erfahrungen, die sich nur schwer auf eine Symptomskala reduzieren lassen.

Ähnliches gilt für Spiritualität. Für manche Menschen bedeutet sie Religion und Gemeinschaft. Andere denken an Natur, Stille oder die Frage, was ihrem Leben Sinn gibt. Eine Metaanalyse von 39 Studien aus dem deutschsprachigen Raum fand im Durchschnitt lediglich einen sehr kleinen positiven Zusammenhang zwischen Religiosität beziehungsweise Spiritualität und psychischer Gesundheit.

Das bedeutet weder, dass Spiritualität gesund macht, noch, dass sie unwichtig ist. Es bedeutet zunächst nur, dass sehr unterschiedliche Überzeugungen, Praktiken und Lebensumstände nicht zu einer einfachen Erfolgsformel zusammengefasst werden können.

Sinn ist keine Therapie

Vielleicht liegt genau hier die Grenze, an der Psychologie und Spiritualität voneinander lernen können.

Die Psychologie kann fragen, ob eine bestimmte Methode bei einem bestimmten Problem mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hilft. Spirituelle Traditionen stellen andere Fragen: Wie möchte ich mit anderen Menschen umgehen? Was trägt mich, wenn sich ein Problem nicht lösen lässt? Wie kann ich Leid begegnen, ohne daran zu zerbrechen oder es zu verdrängen?

Auf diese Fragen gibt es keine allgemeingültigen Messwerte. Eine persönliche Antwort braucht auch keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis.

Umgekehrt wird aus einer tiefen oder sinnstiftenden Erfahrung noch keine Behandlung, die sich allen Menschen empfehlen lässt. Was einem Menschen Halt gibt, kann einen anderen überfordern. Was heute hilfreich ist, kann morgen unpassend sein.

Auch Unruhe ist eine ehrliche Antwort

Die Teilnehmerin, deren Angst sich durch die Konzentration auf den Atem verstärkte, hatte nicht versagt. Sie war weder zu ungeduldig noch zu wenig diszipliniert. Sie bemerkte schlicht, dass diese Form der Aufmerksamkeit ihr in diesem Moment nicht guttat.

Auch wissenschaftliche Übersichtsarbeiten berichten von belastenden Erfahrungen während oder nach Meditation. Wie häufig sie vorkommen, hängt stark davon ab, wer welche Form der Praxis unter welchen Bedingungen ausübt.

Achtsamkeit sollte deshalb keine weitere Pflicht zur Selbstoptimierung werden. Niemand muss sich in die Ruhe zwingen. Niemand muss eine Übung fortsetzen, nur weil sie anderen hilft oder auf einer App als tägliches Ziel erscheint.

Vielleicht beginnt wirkliche Aufmerksamkeit genau dort: nicht bei dem Zustand, den wir erreichen möchten, sondern bei dem, was tatsächlich da ist. Manchmal ist das Frieden. Manchmal Unruhe. Beides verdient es, ernst genommen zu werden.